Warum deine KNX-Anlage mehr wert ist, als du denkst
KNX ist ein offener Standard. Das heißt: Die Geräte im Verteiler sprechen eine Sprache, die jeder KNX-Betrieb lesen kann, und ein Aktor von 2003 arbeitet heute noch mit aktuellen Geräten zusammen. Früher hieß dasselbe System EIB, Europäischer Installationsbus. Wenn im Verteiler EIB steht, hast du KNX.
Der Bus selbst ist eine zweiadrige Leitung, die durch das ganze Haus zu jedem Taster läuft. Die Aktoren, also die Schaltgeräte für Licht, Jalousien und Heizung, sitzen auf der Hutschiene im Verteiler. Beides hält Jahrzehnte. In meinen Projekten sehe ich Anlagen aus den frühen 2000ern, an denen seither kein einziges Gerät getauscht wurde.
Genau das ist der Wert der Anlage. Wer sie herausreißt und durch Funk ersetzt, wirft eine Verkabelung weg, die heute im Neubau viele tausend Euro kostet. Der richtige Weg ist der umgekehrte: den Bus lassen und oben eine neue Zentrale draufsetzen.
Was fehlt, ist die Zentrale
Eine KNX-Anlage aus dieser Zeit wurde meist nur einmal programmiert: Taster links schaltet das Licht, Taster rechts fährt die Jalousie. Eine Visualisierung, also eine Bedienoberfläche am Handy oder Tablet, gab es oft gar nicht, oder sie läuft auf einem Gerät, dessen Hersteller den Support längst eingestellt hat.
Logik fehlt ebenso. Niemand hat 2004 daran gedacht, dass das Licht ausgehen soll, wenn das Haus leer ist, oder dass die Jalousien der Sonne folgen. Und Energie war kein Thema: Es gab keine PV-Anlage, keine Wärmepumpe mit Netzwerkanschluss und keine Wallbox.
Diese drei Dinge, Visualisierung, Logik und Energie, sind die Aufgabe einer Zentrale. Die Taster und Aktoren müssen dafür nichts Neues können. Sie müssen nur weiter tun, was sie seit zwanzig Jahren tun.
Home Assistant als Zentrale über KNX
Ich setze dafür Home Assistant ein, eine Smart-Home-Zentrale, die lokal im Haus läuft und keine Lizenz kostet. In den Verteiler kommt eine KNX-IP-Schnittstelle, ein kleines Gerät auf der Hutschiene, das den Bus mit dem Netzwerk verbindet. Daneben steht der Rechner für Home Assistant, etwa ein Home Assistant Green. Beides braucht nur eine Netzwerkdose in der Nähe.
Dann lese ich die Gruppenadressen ein. Eine Gruppenadresse ist die Nummer, unter der ein Taster einem Aktor sagt, was er tun soll, etwa Licht Küche ein. Jede dieser Nummern wird in Home Assistant zu einem Licht, einer Jalousie oder einem Thermostat. Deine Taster an der Wand bleiben, wie sie sind. Zusätzlich hast du eine App, Dashboards nach Raum und auf Wunsch Sprachsteuerung.
Der Zugriff von unterwegs läuft über Tailscale, ein VPN ohne Portfreigabe. Nichts an deiner Anlage hängt in einer Cloud. Updates sind freiwillig: Wer nicht updatet, bei dem ändert sich auch nichts, das System läuft weiter. Ich spiele Updates ein, wenn eine neue Funktion gewünscht ist, und übernehme auf Wunsch die Wartung. Wie ich Home Assistant aufsetze, steht unter Home Assistant vom Profi.
Wer lieber Loxone als Zentrale möchte, findet den Vergleich im Ratgeber Loxone oder Home Assistant. Bei einer bestehenden KNX-Anlage mit PV und Wärmepumpe empfehle ich in den meisten Fällen Home Assistant, weil es diese Geräte direkt anbindet. Wer neue Taster braucht und kein KNX nachkaufen will, bekommt mit Home Assistant auch KNX, Bosch Smart Home oder Homematic IP als Taster- und Aktorebene, je nach Tastergeschmack und Preisklasse.
Das ETS-Projekt: der Knackpunkt
ETS ist die Software, mit der KNX programmiert wird. Das ETS-Projekt ist die Datei, in der steht, welcher Taster welchen Aktor über welche Gruppenadresse anspricht. Mit dieser Datei lese ich die Anlage direkt ein, und die Einrichtung dauert ein bis zwei Tage. Ohne die Datei wird es aufwendiger, aber nicht unmöglich.
Ohne ETS-Projekt höre ich mit dem Busmonitor zu. Das ist ein Programm, das jeden Befehl auf dem Bus mitschreibt. Wir gehen durchs Haus, drücken jeden Taster, fahren jede Jalousie, und ich notiere, welche Gruppenadresse dabei auftaucht. So lassen sich Licht, Beschattung und die meisten Heizungsfunktionen rekonstruieren. Das dauert länger, ist aber in einem Einfamilienhaus an einem Tag machbar.
Was ohne die Datei nicht geht: einzelne Geräte neu einstellen. Wenn ein Taster eine andere Funktion bekommen soll oder ein Jalousieaktor eine andere Laufzeit, braucht das ETS und einen KNX-Fachmann, und ohne Projektdatei müssen die betroffenen Geräte komplett neu programmiert werden. Bei alten Anlagen ist das manchmal durch einen Schlüsselschutz blockiert. Deshalb lohnt sich die Suche nach der Datei vor dem Termin.
Für die App und die Automatiken brauchst du keine Neuprogrammierung der Geräte. Home Assistant nutzt die Gruppenadressen, die es schon gibt. Die ETS ist nur nötig, wenn sich am Verhalten der Taster oder Aktoren selbst etwas ändern soll.
Was bleibt, was kommt neu
| Was du hast | Bleibt | Kommt neu | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| Taster an der Wand | Ja | Nichts | Funktion bleibt, Änderung nur mit ETS |
| Schaltaktoren für Licht | Ja | Nichts | Werden in Home Assistant zu Lichtern |
| Jalousieaktoren | Ja | Nichts | Sonnenstandsautomatik übernimmt Home Assistant |
| Heizungsaktoren | Ja | Meist nichts | Raumregelung bleibt in KNX oder wandert in Home Assistant |
| Visualisierung | Nur wenn du willst | App und Dashboards | Altes Tablet oder HomeServer kann weg |
| Logik | Zeitschaltuhren bleiben | Anwesenheit, Szenen, Beschattung nach Sonne | Läuft in Home Assistant, nicht im Bus |
| Energie | Gab es nicht | PV, Wärmepumpe, Wallbox lokal angebunden | Braucht KNX gar nicht |
Erweitern, ohne den Bus anzufassen
Ein neuer Raum, ein Anbau oder ein Gerät, das es 2004 nicht gab: Das kommt in meinen Projekten nicht als KNX dazu, sondern per Zigbee oder Funk direkt an Home Assistant. Ein Zigbee-Bewegungsmelder kostet einen Bruchteil eines KNX-Präsenzmelders, und er braucht keine Busleitung und keine ETS-Programmierung.
Der Bus bleibt dabei unangetastet, was den Wert der Anlage schützt. Home Assistant führt beides in einem Dashboard zusammen, für dich sieht ein KNX-Licht genauso aus wie ein Zigbee-Licht. Wie so eine Funk-Erweiterung im Bestand aussieht, steht im Ratgeber Smart Home im Altbau ohne Stemmen.
PV, Wärmepumpe und Wallbox lokal anbinden
Das ist der Teil, den KNX allein nie konnte. Home Assistant bindet viele Hersteller direkt lokal ein, ohne Modbus und ohne Cloud: Wechselrichter von Fronius, SMA oder Huawei, Wärmepumpen von Lambda, Vaillant oder Viessmann. Gibt es keine direkte Anbindung, ist Modbus die zweite Wahl, eine Schnittstelle, die viele Heizungs- und PV-Geräte mitbringen. Die Cloud des Herstellers nehme ich nur, wenn es nicht anders geht.
Sobald die Geräte in Home Assistant sind, kann die Logik mit ihnen arbeiten: Die Wallbox lädt bei Überschuss, die Wärmepumpe hebt die Warmwassertemperatur an, wenn die PV liefert, und die KNX-Jalousien fahren im Sommer zu, bevor die Räume warm werden. Was davon sinnvoll ist, steht im Ratgeber PV-Überschuss richtig nutzen und unter Energiemanagement.
Checkliste vor dem Termin
Beim Smart-Home-Check um 349 € schaue ich in den Verteiler, der Betrag wird bei Beauftragung angerechnet. So bereitest du den Termin vor:
- Fotos vom Verteiler, bei geöffneter Abdeckung, so dass die Beschriftungen der Geräte lesbar sind.
- Die ETS-Projektdatei suchen: beim Elektriker von damals, auf einer CD im Hausordner, in der Übergabemappe vom Vorbesitzer. Die Datei endet auf .knxproj, bei älteren Versionen auf .pr5.
- Eine Liste, was dir fehlt: App, Anwesenheit, Beschattung nach Sonne, Verbindung zu PV oder Wärmepumpe.
- Netzwerk beim Verteiler: Gibt es dort eine Netzwerkdose, oder wie weit ist der Router entfernt.
- Typ und Baujahr von Wechselrichter, Wärmepumpe und Wallbox, falls vorhanden.
Mit diesen fünf Punkten weiß ich nach zwei Stunden im Haus, ob das ETS-Projekt reicht oder der Busmonitor ran muss, und du bekommst einen Festpreis. Mehr zum Ablauf steht unter Smart Home nachrüsten.